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Eine frische Brise empfing mich am 19. Mai 2004 um 8.10 Uhr am Flugplatz Mariensiel und neugierig schaute ich zum verschlossenen Tor und dann wieder in Richtung Tower, aber keine Menschenseele in Sicht. Als Passagier hatte ich doch gelernt, mindestens 1 Stunde vor Abflug am Platz zu sein. Nur ein paar Handwerker, die sich vor dem Kontrollturm zu Schaffen machten und einige Möwen, die in Richtung Küste davonsegelten, war in dem eiskalten Wind nichts erkennbar, was in meiner Vorstellungswelt nach einem Piloten aussah. Doch mein beharrliches Warten wurde belohnt und nach und nach trafen die Crewmitglieder Peter Niemann, Uwe Wildberg, Klaus Fetzer, Jan Coring, Uwe Tensfeld, Roland Wendler, Wolfgang Klein und Gerd Plate am Platz ein und nach knapp 60 Minuten Flugvorbereitung hing die Piper 28-140 (D-EGNI), die Piaggio (E-ELEV) und die Beach Bonanza (D-EIMF) in der Luft.
Starke Böen begleiteten uns, als wir die malerische Seelandschaft Mecklenburgs überquerten. Meinem Reiseführer entnehme ich über Neubrandenburg und Trollenhagen: Neubrandenburg, die Stadt der vier Tore am Tollensesee, eingebettet in der großen Urlaubsregion Mecklenburg-Vorpommern. Trollenhagen ist heute mit über 69 000 Einwohnern die drittgrößte Stadt in Mecklenburg-Vorpommern und bietet dem Erholungssuchenden eine breite Palette an natürlichen Schönheiten: Seebäder und feinsandige Strände der Mecklenburgischen Ostseeküste, Deutschlands schönste Inseln Rügen und Usedom oder im Binnenland die Mecklenburgische Seenplatte als Europas größtes geschlossenes Seengebiet. Hier schlägt das blaue Herz von Deutschlands Wasserland Nr. 1. Von hier kann man mit dem Boot in alle Himmelsrichtungen reisen. Routiniert führt uns unser Navigator Uwe Wildberg zum Platz und wenige Minuten später setzt Klaus seine Beach Bonanza auf die Betonpiste von Trollenhagen auf.
Noch einmal nachtanken und dann Crew-Wechsel. Uwe Tensfeldt steigt zu uns ins Cockpit und übernimmt bis Danzig die Navigation und den Sprechfunk. Unter uns immer noch die typische flache Küstenlandschaft. Wälder und Seen huschen unter unseren Tragflächen hindurch. An Stettin vorbei ist unser neuer Kurs die Danziger Bucht. Klaus deutet mit dem Zeigefinger auf elf Uhr: “Das da ist Danzig!” - und schon höre ich im Kopfhörer: EIMF: “Gedanks approach, D-EIMF, good morning.” Approach: “Good morning D-EIMF, go ahead” EIMF: “D-EIMF, beach bonanza, VFR from EDTN at KRT, 1500 feet, coming inbound for landing” Approach: “Roger D-MF, enter left hand downwind runway 29 at 1000 feet and call tower on 118.10” D-MF: “Tower, D-MF left downwind 29, gear down for landing.” Tower: “D-MF cleared to land runway 29.”
Wenige Minuten später hat die Bonanza festen Boden unter dem Fahrwerk und wir rollen auf die Parkposition. In kurzen Abständen landen die Piggi und die Piper und werden vom Kontroller neben uns eingewiesen. Gemeinsam geht es zur Flugleitung. Neugierig und mit vielen Fragezeichen auf der Stirn verfolgen Peter und ich als Flugneulinge das Briefing - hoffentlich fragt keiner unserer Piloten, ob wir etwas verstanden haben, ging es mir durch den Kopf.
Der neue Kurs heißt Kaunas in Litauen. Roland Wendler steigt als neuer Navigator zu uns in die Bonanza. Nach dem Start in Danzig hat der Wind noch an Stärke zugelegt und nur mit Mühe können die Bunkeranlagen der Wolfsschanze in Görlitz mit der Kamera eingefangen werden. Wir erkennen einige Bunkerfragmente zwischen dem Wald- und Buschwerk. Parkende Autos der Besucher zeigen den Weg zu den ehemaligen Bunkeranlagen. Hier stand die Baracke, in der am 20. Juli 1944 Claus Schenk Graf von Stauffenberg ein Attentat auf Adolf Hitler unternahm.
Anfangs noch vom Blick der Masurischen Seen und der gelb leuchtenden Rapsfelder beeindruckt, wechselte unter uns die Landschaft schlagartig nach dem Einflug in den litauischen Luftraum in eine noch unberührte und schier endlos erscheinende Waldlandschaft. Hin und wieder ein verlassener Militärstützpunkt aus russischer Zeit und an den kleinen vorbeihuschenden Bauernhäusern hat der Zahn der Zeit in den letzten 50 Jahren deutlich sichtbare Zeichen des Verfalls hinterlassen. Ebenso deutlich und klar sind dagegen die Zeichen der Litauischen Anflugkontrolle von Kaunas, die uns sicher auf der großen Landbahn aufsetzen lassen. Eher ruhig und überschaubar wirkt das Flugfeld, als uns das Lotsenfahrzeug zum Parkplatz zwischen einigen russischen Maschinen führt. Starker Wind und eisige Temperaturen empfangen uns in Kaunas. Nachdem unsere Maschinen festen Halt an einigen ausgedienten und mit Beton gefüllten Autoreifen gefunden haben, empfängt uns herzlich eine charmante Angestellte der litauischen Flugabfertigung. Nach den üblichen Formalitäten lief unsere litauische Begleiterin zur Höchstform bei der Suche nach einem geeigneten Hotel auf. Das empfohlene Hotel zeigte sich weit über dem Standard der Mittelklassehotels im westlichen Europa und die Getränke und die Speisen waren hervorragend und die Preise moderat.
Kurz und knapp dagegen waren die Anweisungen von Uwe Tensfeld: “In 20 Minuten möchte ich die vollzählige Mannschaft im Foyer sehen!² Eine kleine Stadtbesichtigung, verbunden mit dem Kennenlernen der landestypischen Speisen und Getränke, stand auf dem weiteren Programm. Starker Wind, niedrige Temperaturen und ein einsetzender Regen verkürzte die Stadtbesichtung, führte uns aber schnell und zielsicher in ein gemütliches Restaurant. In dem rustikalen Restaurant, mit typischem litauischen Flair, lesen wir in unserem Reiseführer über Kaunas: “Die Stadt Kaunas, Zentrum des gleichnamigen Bezirks, ist mit 415.700 Einwohnern und 156 km2 die zweitgrößte Stadt Litauens. Gegründet im 12. Jahrhundert verdankt sie ihre Existenz der hervorragenden geografischen Lage. Kaunas liegt im Zentrum Litauens am Zusammenfluss der beiden größten Flüsse Nemunas und Neris, 100 km von der Hauptstadt Vilnius und 250 km von der Hafenstadt Klaipeda entfernt.
Kaunas erfreut sich einer außergewöhnlichen Altstadt mit einer Vielfalt alter Architekturdenkmäler: die Überreste der Burg aus dem 13. Jahrhundert, die Kathedrale, die Jesuitenkirche, die Dreieinigkeitskirche und nicht zuletzt das alte Rathaus, das aufgrund seiner bezaubernden Architektur den Spitznamen "weißer Schwan" trägt. Der Platz vor dem Alten Rathaus, wichtigster architektonischer Akzent der Altstadt, erinnert mit der frühgotischen Vytautaskirche und dem nahegelegenen spätgotischen Perkunashaus an das Mittelalter. Die Häuser und Plätze der umgebenden Altstadtgassen beherbergen neben zahlreichen Restaurants und Cafes auch Kunstgallerien und Souvenirshops.
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